Warum war der Realsozialismus reformunfähig?


Engin Erkiner 


INHALTSVERZEICHNES

1. EINLEITUNG
1.1. Fragestellung
1.2. Aufbau der Arbeit 
2. ERKLÄRUNG DER BEGRIFFE
2.1. Nomenklatura
2.2. Realsozialismus und dessen Unterschiede vom wissenschaftlichen Sozialismus
2.3. Entwickelte Sozialismus
2.4. Marktsozialismus
3. DISKUSSIONEN ÜBER DIE SOZIALISTISCHE WIRTSCHAFT IN DEN 60’ER JAHREN 
3.1. Die Wurzeln der wirtschaftlichen Reformen
3.2. Facetten der Mißwirtschaft
3.3. Lösungsvorschläge
3.3.1. Offizielle Lösungen
3.4. Marktsozialismus
3.5. Che Guevara 
4. OTA ŠIK (1919-2004)
5. WARUM WAR EIN REFORM DRINGEND NÖTİG IN DER CSSR?
6. GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFTSREFORMEN
7. FRITZ BEHRENS UND OTA ŠIK 
8. MÖGLICHE KONSEQUENZEN DES PRAGER FRÜHLINGS IM SOZIALISTISCHEN BLOCK
9. FAZIT
10. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS 


1. EINLEITUNG

“ [da]… die sozialistischen ökonomischen Verhältnisse die höherstehenden Verhältnisse sein müssen, eo ipso sollen sich auch die Produktivkräfte in diesen Verhältnissen schneller als im Kapitalismus entwickeln. Aber dies ist und bleibt nur ein ideologischer und politischer Wunsch, der immer wieder aufs neue von der Realität widerlegt wurde.” 1

Es gab viele Bemühungen ab den 1950’er Jahren um die Atraktivitat des Sozialismus zu erhöhen. Der Realsozialismus war der Hauptgewinner des Krieges gegen Nazi-Deutschland und hatte 1957 die erste Maschine (Sputnik) ins Weltall  geschickt. Trotz dieser Erfolge waren die Produktivkräfte des Sozialismus hinter dem Kapitalismus geblieben. Zahlreiche erfolglose wirtschaftliche Reformversuche wurden vorgenommen, um die Überlegenheit des Sozialismus gegen Kapitalismus bei der Entwicklung der Produktivkräfte zu beweisen. Die grosse Mehrheit der Nomenklatura in den sozialistischen Ländern war für die Reformen, einige Reformen wurden praktisiert aber ohne nennenswerten Erfolg. 

Mitteleuropäische sozialistische Länder wie Ungarn, Deutsche Demokratische Republik und Tschechoslowakai waren das zentrale Gebiet für die Reformdiskussion im Sozialismus.

In dieser Arbeit wird die ökonomischen und politischen Aspekten des “Prager Frühlings”, die Ideen von Ota Šik im Rahmen des Reformsozialismus in den 1960’er Jahren dargestellt und diskutiert. 

1.1. Fragestellung 

Warum war der Realsozialismus reformunfähig? 

Diese Frage ist wichtig, weil der Sozialismus, wie alle andere gesellschaftliche Systeme, seine Probleme hat. Die wirtschaftlichen Probleme des Systems wurden allgemein akzeptiert und es gab verschiedene Reformvorschläge, die zum Teil praktiziert worden sind. Trotzdem ist die wirtschaftliche Lage in verschiedenen sozialistischen Ländern nicht besser geworden. Der Realsozialismus konnte sich nicht reformieren. Die Frage ist über die Hauptursache der Nichtreformierbarkeit des Systems, das das vergangene Jahrhundert streng beeinflusst hat. 

1.2. Aufbau der Arbeit

Zuerst werden die in der Arbeit verwendeten Begriffe erklärt: Nomenklatura, Realsozialismus und dessen Unterschiede vom wissenschaftlichen Sozialismus, entwickelte Sozialismus und Marktsozialismus. Danach wird die Diskussion über den Marktsozialismus und Lösungs-vorschläge für die Ineffizienz der sozialistischen Wirtschaft in den 60’er dargestellt. Der Marktsozialismus war der Hauptvorschlag für die Lösung der immer gravierender ge-wordenen wirtschaftlichen Probleme in den sozialistischen Ländern. 

Die Reformideen von Che Guevara, der strikt gegen den Marktsozialismus war, werden kurz dargestellt. 

Nach kurzem Lebenslauf von Ota Šik wird die desolate wirtschaftliche Lage in der CSSR und dringende Nötigkeit der Reformen erläutert. 

Als Quelle wird Prager Frühling - Das Internationale Krisenjahr 1968, Band 1 verwendet. 

Šik war einer der wichtigsten Reformökonomen der sozialistischen Länder. Er hat seine Ideen in verschiedenen Büchern wie „Argumenten für den Dritten Weg“ und „Die Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern“ dargestellt. Nach der Zusammen-fassung der wichtigsten Aspekte dieses Buches werden die Ideen von Šik mit dem anderen bekannten Reformökonom Fritz Behrens aus der DDR verglichen. Als die Basis dieser Vergleichung wird der Text von Behrens über den Dritten Weg genommen. 

Die Reformagenda von Šik und mögliche politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Agenda für das Land und die anderen sozialistischen Länder werden dargestellt. 

Am Ende der Arbeit wird eine Schlussfolgerung gezogen. 

2. ERKLÄRUNG DER BEGRIFFE 

2.1. Nomenklatura

Die Nomenklatura wird meistens als Funktionstäger der kommunistischen Partei definiert.  Die Mitglieder des Politbüros und Zentralkommitees, Bezirksekretäre, Mitglieder des Parteikomitees in einem Stadtteil und Vorsitzende der Kolchosen gehörten zur verschiedenen Stufen der Nomenklatura. Es gab grosse Unterschiede zwischen den Stufen der Nomen-klatura.

Die Nomenklatura war nicht einheitlich, sondern hatte drei Bestandteile: in den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereichen zuständigen Nomenklatura. Die politische Nomenklatura war die Nomenklatura des Staatsapparats. Die wirtschaftliche Nomenklatura wie z.B. Chef eines Kombinats oder einer staatlichen Bank sowie die kulturelle Nomenklatura, die im kulturellen Bereich zuständig war. 2

2.2. Realsozialismus und dessen Unterschiede vom wissenschaftlichen Sozialismus

Laut Marx-Engels findet die sozialistische Revolution in den entwickelten kapitalistischen Ländern fast gleichzeitig statt. Das Zusammenleben der Zwei-Systeme ist nicht vorgesehen. Diese Koexistenz der Systeme fuhr zu betrachtlichen Änderungen im Sozialismus wie die Existenz des Staates, sogar der Armee und Bürokratie. Diese Art vom Sozialismus wurde als Realsozialismus sogar Staatssozialismus genannt.

Der sozialistische Staat hatte die Produktion und den Konsum geplant, daneben alle Medien und Veröffentlichungen, sowie alle Art von Versammlungen, Vereine und Organisationen kontrolliert. Der Staat hatte in jedem Bereich und bei jedem Anlass die Gesellschaft reglementiert. Die Gesellschaft war verstattlicht, nur der Bereich des Privatlebens war vom Staat unabhängig. 3

2.3. Entwickelte Sozialismus

Laut Kommunistischer Partei der Sovietunion war die erste Phase des Aufbaus des Sozialismus beendet. In der zweiten Phase, die als entwickelte Sozialismus benannt, wurden die Erhöhung der Produktion der Konsumgüter und wirtschaftliche Konkurrenz mit dem Kapitalismus vorgesehen. Das Einholen und Überholen waren die zwei wichtigsten Begriffe dieser Konkurrenz.

Laut Marx-Engels sollte die sozialistische Gesellschaft mehr Arbeitsproduktivität als die kapitalistische Gesellschaft haben. Der Sozialismus hatte niedrigere Arbeitsproduktivität als Kapitalismus und erst Einholen dann Überholen war nötig.

2.4. Marktsozialismus

Der Marktsozialismus im Allgemein wird als die Einführung des Marktmechanismus in die sozialistische Wirtschaft definiert. Im Staatssozialismus plannt der Staat die Produktion und den Konsum und die Wirtschaft wird durch Großplan (normalerweise Fünf-Jahres-Plan) reguliert. Der Marktsozialismus bedeutet Einführung eines zusätzlichen Marktregulierungs-instruments. Hochzentralisierte Planung reicht nicht für die wirtschaftliche Effizienz, sie soll deshalb durch den Markt ergänzt werden. 

Es ist verständlich, dass zahlreiche Kommunisten erhebliche Schwierigkeit haben, um den Marktsozialismus zu akzeptieren. Der Markt als Hauptregulationsinstrument charakterisiert die kapitalistische, dagegen die Zentralplanung die sozialistische Wirtschaft. In den kapi-talistischen Ländern existiert auch die Zentralplanung, bei der nur der Markt den Vorrang hat. Es gibt keine hundert prozentige Martkwirtschaft in den kapitalistischen Ländern. 

Der kritische Diskussionspunkt über den Marktsozialismus ist: Wie weit die sozialistische Wirtschaft einen Marktmechanismus als ein regulatives Instrument braucht? 

Wie ist das Verhältnis zwischen der Zentralplanung und dem Markt? 

Wie weit werden die Preise durch den Markt reguliert? 

Eigene Mischung von dem Markt und der Zentralplanung ist eine unzureichende Antwort, weil alle kapitalistischen Wirtschaften auch eine Markt-Zentralplanung-Kombination haben.

3. DISKUSSIONEN ÜBER DIE SOZIALISTISCHE WIRTSCHAFT IN DEN 60’ER JAHREN 

Die Probleme der sozialistischen Wirtschaft war ein wichtiges Thema in den Diskussionen über die Zukunf des Sozialismus. Die Hauptprobleme waren die Produktionserhöhung und die Beseitigung der Mißwirtschaft.

3.1. Die Wurzeln der wirtschaftlichen Reformen

Es war nicht einfach, die sozialistische Vergangenheit zu kritisieren. UdSSR war der Hauptgewinner des Krieges gegen Nazi-Deutschland und hatte große Prestige nicht nur in den sozialistischen Ländern, sondern in aller Welt. Die gehaltene Rede von Chruschtschow im 20. Parteitag der KPDSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) im Jahr 1956 über die gravierende Fehler von Stalin war eine Eröfnung der Selbstkritik in allen gesellschaftlichen Ebenen. Ohne diese Rede wäre die Kritik über die Probleme der sozialistischen Wirtschaft nicht möglich. 

Zweite Ursache für die Diskussionen über die sozialistischen Wirtschaft war das Ziel des Kommunismus.

“Eine Reihe von Ereignessen hatte einen Effekt wechselseitiger Steigerung erzeugt: Die spontanen Demonstrationen nach Juri Gagarins Raumflug; die kubanische Revolution, in ihrem Gefolge, eine Welle der ‘Revolutionsromantik’; der Umstand, dass die Partei sich ein neues Program mit dem Ziel der ‘Verwirklichung des Kommunismus’ bis spätestens 1980 gegeben hatte…” 4

Um den Kommunismus zu erreichen, ist ein enormer Zuwachs der Produktionstechnik nötig. Laut marxistisch-leninistischer Geschichtsauffassung hat der Kommunismus höchste Stufe der Produktionsentwicklung. Um diese Stufe zu erreichen ist die wissenschaftliche-technische Revolution unabdingbar. 

Sowjetische Kommunisten “… erklärten die Wirtschaft zum Hauptelement des weltweiten Wettstreites zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die Wirtschaft hätte die Aufgabe, in allernächster Zeit die kapitalistischen Staaten einzuholen und überholen.” 5

Die kommunistischen Parteien waren für die kritischen Äußerungen über die Wirtschaft und die mögliche Kurskorrektur bereit. Es gab keine Spaltung zwischen Hardline-Kommunisten und Reformkommunisten solange die wirtschaftlichen Reformen die Produktionserhöhung ohne weitere Konsequenzen befürworten. Als die Reformen einiger maße praktisiert wurden, ist diese Spaltung sichtbar geworden. 

Um den Umfang der Reformen zu bestimmen war es nötig, die Facetten der Mißwirtschaft aufzulisten.

3.2. Facetten der Mißwirtschaft

In einem kapitalistischen Land hat man normalerweise nicht genügendes Geld für die Waren und Dienstleistungen. In einem sozialistischen Land hat man Geld aber keine genügende Waren und Dienstleistungen am Markt. Die Diskrepanz zwischen den Produzenten und Konsumenten ist immer das grösste Problem in einer sozialistischen Wirtschaft. Der sozialistische Staat hat die Produktion und den Konsum geplant. In einigen Bereichen der Wirtschaft wurde mehr produziert als nötig; in anderen Bereichen war die Unterproduktion der Fall. Die Fünf-Jahres-Pläne waren oft wegen der Fehleinschätzungen und weniger Berücksichtigung des Konsumenteninteressen gescheitert.

Die marxistische Ökonomen aus verschiedenen sozialistischen Ländern waren über die Facetten der Mißwirtschaft einig, aber bei der Lösungsvorschläge waren die große Differenzen sichbar.

3.3. Lösungsvorschläge

Die Lösungsvorschläge für die Beseitigung der Mißwirtschaft können auf drei geteilt werden: 

Offizielle (von den kommunistischen Parteien vorgeschlagene und zum Teil praktizierte) Lösungen, Lösungsvorschläge, die eine gewisse Änderung an der sowjetischen  Sozialismuskonzeption fordern und Vorschläge gegen die Wirtschaftsreformen. 

Fast alle wichtigen Personen in der Gesellschaft (Mitglieder des Politbüros und Zentralkomitees, kritische Intellektuellen, Ökonomen u.a.) haben für die Reformen be-fürwortet. Die Grundlage des Reforms war gleich: Einführung des Marktmechanismus in die sozialistische Wirtschaft. Diese Einführung bedeutete am Anfang als die kleine Änderungen im bestehenden System, danach kommt die Stufe des Marktsozialismus und am Ende allgemeine Kritik des bestehenden Systems sogar Marxismus-Leninismus. 

Die Grundlage des Streitpunkts bei den Reformen war immer gleich: Wie weit wurde der Marktmechanismus praktiziert? Ab einem bestimmten war Punkt der Konflikt unvermeidbar.

Die Reformvorschläge können in zwei Hauptpunkten geteilt werden: Allgemein akzeptierte Vorschläge (offizielle Lösungen) und Marktsozialismus.

3.3.1. Offizielle Lösungen

Als Lösung wurden die verschiedenen Facetten des Marktmechanismus vorsichtig eingeführt. Vorsichtig, weil bekannt worden war: der Markt reguliert die kapitalistische Wirtschaft aber der Plan die sozialistische. Das Verhältnis zwischen dem Markt und Plan in der sozialistischen Wirtschaft ändert sich je nach der Interpretation.  

Belohnung für die Produktionserhöhung

Wer mehr produziert, wird belohnt. Wenn eine Fabrik eine Überproduktion hat, werden die Arbeiter belohnt. Diese unsystematische und limitierte Einführung der Marktmekanismus fand in fast allen sozialistischen Ländern statt.

Dezentralisierung des Großplans 

Großplan wurde nicht detalliert vorbereitet, damit die Produktionseinheiten mehr Flexibilität haben. Fritz Behrens, ein bekannter Ökonom in der DDR, hatte die Auffassung, dass die Produzenten und Konsumenten durch mehr Flexibilität einen besseren Kontakt haben. 

Als die Kombinate mehr Autonomie hatten, fand eine Machtverschiebung vom politischen zum wirtschaftlichen Teil der Nomenklatura, die immer extra Probleme mit sich bracht.

Mehr Differenzierung der Einkommen in bestimmten Bereichen

Für das Einholen und Überholen sollte eine höhere technische Entwicklung stattfinden, deshalb Ingenieure und andere technischen Personal sollten besser bezahlt werden. Eine deutliche Gehaltdifferenzierung in der sozialistischen Gesellschaft war nötig. 

Ergebniss der offizielen Lösungen

Offizielle Lösungen hatten kein bemerkenswertes Ergebnis; die Reformen waren stecken geblieben.

“Alle versuchen immer wieder auf die eine oder andere Art, die Selbstständigkeit der betriebe zu erweitern und durch Marktkategorien wie Preise, Profite, Profitprämien usw. in den Betrieben das Interesse an einer nicht nur quantitativen, sondern auch qualitativen, effektiven und flexiblen Produktin zu schaffen. Aller derartigen ‘Reformen’ bleiben aber immer wider auf halbem Wege, in Kompromissen und Inkonsequenzen stecken.”

Šik vertritt die Auffassung, dass es neben den ökonomischen, auch die politischen und ideologischen Hindernisse gab.

3.3.  Marktsozialismus

Der Marktsozialismus im Kern ist die Rolle des Marktes im Sozialismus und wurde erstmal in der Sowjetunion diskutiert.

“… in den 1950’er Jahren in der Sowjetunion intensiver geführten Diskussionen über die Wirkungsweise des Wertgesetzes im Sozialismus.”

Die Diskussionen in der UdSSR spielten eine Legitimationsfunktion für die Diskussionen in den anderen Ländern. Eine Reihe von Ökonomen diskutierten in den 50’er und 60’er Jahren über die Rolle des Marktes im Sozialismus: “aus der UdSSR E.G. Liberman und W.W. Nowoshilow, aus Ungarn J. Kornai, aus Polen O. Lange und W. Brus sowie aus der CSSR J. Kosta und O. Šik.” 8  

Die Befürworter des Reformsozialismus hatten wichtige Gemeinsamkeiten:

“Bei allen Unterschiede im theoretischen Niveau und Konkretisierungsgrad der praktischen Vorschläge faste der polnische Wirtschaftsreformer Wlodzimierz Brus die in den verschiedenen Ländern nach 1956 unabhägig voneinander entwickelten Entwürfe in vier übereinstimmenden Zielfunktionen zusammen:

1.  Dezentralisierung der ökonomischen Entscheidungen, “Erweiterung des autonomen Bereichs der unteren Stufen der verstaatlichten Wirtschaft;”

2. Um die Rentabilität der staatlichen Unternehmen zu erhöhen, die Kernziffern in der Zentralplanung zu beschränken;

3. “Verknüpfung der Löhne und Gehälter der Mitarbeiter mit den wirtschaftlichen Ergebnissen des Unternehmens (…)” 9

4. Institutionelle Bedingungen für die Arbeiterselbstverwaltung zu schaffen.

Die höchste Funktionäre der kommunistischen Parteien und Reformökonomen wollten die wirtschaftlichen Reformen, doch unterscheiden sie sich darüber erheblich. Die streng be-grenzten Reformen fuhren kein Ergebnis wie es vorher erwähnt wurde. Die Vorschlägen der Reformökonomen hatten keine Möglichkeit, im vollen Umfang praktisiert zu werden und blieben oft auf dem Papier. Diese Ökonomen wurden oft von ihren verantwortlichen Positionen abgesetzt. 

Für Janos Kornai: „Sein Buch über die Überzentralisation und Bürokratisierung der Wirtschaft erschien synchron mit dem entsprechenden Problemstellungen und Lösuns-ansätzen in der DDR, Polen und der CSSR. In den folgenden Jahrzehnten wurde er der wichtigste theoretisch-systematische Analytiker der politischen Ökonomie des Staats-sozialismus, allerdings im Exil in den USA”  10

Fritz Behrens wurde 1954 zum Leiter der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik berufen und gleichzeitig war er der Stellvertretende Vorsitzende der staatlichen Plankommission und Mitglied des Ministerrates der DDR. Er wurde 1957 als Revizionist bezeichnet und verlor seine verantwortliche Position in der Regierung und in der Partei.

Nur in der CSSR hatten die Reformideen von Sik eine Unterstützung der erheblichen Teil der Partei und des Volkes.

3.4. Che Guevara

Er war nicht nur ein Guerillakämpfer, gleichzeitig ein Theoretiker des Sozialismus. 1964 besuchte er die Sowjet Union. Er war damals Industrieminister und Chef der National Bank in Kuba. Nach seiner Rückkehr hatte er die Auffasung, dass dieses System keine Zukunft hat, wenn es so weitergeht. Er wollte die komplete Abschaffung des Marktmechanismus und jeder Art von Belohnung. Stattdessen wollte er die Verstärkung der sozialistischen Moral. 

Die Reformideen von Guevara hatten einige Anhänger in der Nomenklatura. Sie hatten die Auffassung, dass es keine wirtschaftliche Probleme gäbe, wenn die Arbeiter eine höhere sozialistische Moral hätten. Šiks Kritik zu dieser Auffassung wird später erläutert. 

Die Reformideen von Guevara hatten keine Unterstützung in den sozialistischen Ländern und sie wurden nur im kleinen Umfang in Kuba ohne Erfolg praktiziert. 11

4. OTA ŠIK (1919-2004)

Bekannt als der Schöpfer der Wirtschaftsreformen des Prager Frühlings.

1961 war er der Leiter des ökonomischen Instituts der Akademie der Wissenschaften. 1962 war er Mitglied des Zentralkomitees der KPC.

1964 leitete er die Staats- und Parteikommission für die Wirtschaftsreform.

Im April 1968 ernannte Alexander Dubcek ihn als stellvertretender Ministerpräsident und Koordinator der Wirtschaftsreformen.

Nach der Militärintervention immigrierte er in die Schweiz.

5. WARUM WAR EIN REFORM DRINGEND NÖTIG IN DER CSSR?

Die Wurzeln der Wirtschaftsreformen lagen in den 50’er Jahren. Die Forcierung der Schwerindustrie nach dem sowjetischen Entwicklungsmodell hat die Wirtschaft umstrukturiert und die verehrende Folgen für die Gesellschaft gebracht.

“Zu den schwerwiegendsten Folgen, gehörte, dass die Priviligierte Position der Schwerindustrie zu einer unausgeglichenen Entwicklung aller Wirtschaftszweige führte – zu Lieferproblemen und zur Unfähigkeit der Wirtschaft, die materiellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu befridigen. Im Jahr 1953 befand sich die tschechoslowakische Wirtschaft am Rand eines Zusammen-bruchs.” 

In den Jahren 1961 und 1962 kam ein schnelles Wachstum der Wirtschaft, kurz danach Stagnation und fiel das Nationaleinkommen. “Im Jahr 1963 waren alle Bemühungen zur Verabschiedung des dritten Fünfjahreplanes gescheitert, und es kam erstmals im Zeitalter der Planwirtschaft zu einem Rückstand des Volkseinkommens.” Der Großplan 1961-1965 musste außer Kraft gesetzt werden. 12

Die Wirtschaftsreformen wurden in zwei Phasen umgesetzt. “Als erste Phase kann die ‘rein ökonomische’ Reform, nach offizieller Redeweise das ‘Neue System der planmäßigen Lenkung der Volkswirtschaft’ bezeichnet werden, das im Januar 1965 vom ZK der KPC gebilligt wurde. (…) In der zweiten Phase –von Januar bis August 1968- bekam der Reformkonzept im Zuge des allgemeinen Demokratisierungsprozesses im ‘Prager Frühling’ eine völlig neue Gestallt.” 13 

Das Reformkonzept der KPC (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei) trug von Anfang an die Unterschrift von Šik, nur sollte er seine Meinung im Laufe der Wirtschaftsreformen modifizieren. Der Grund dafür war die Ineffektivität des dezentral-teknokratischen Reformmodells in anderen sozialistischen Ländern.

“Alle Änderungen oder sogenanten Reformen in den sozialistischen Ländern, die sowohl aus ideologischen als auch aus politischen Gründen immer wieder versuchen, nur kleine Verbesserungen des administrativen Planungssystems – bei andauernder Unterdrückung des Marktes - durchzuführen, sind zum Scheitern verurteilt.” 14 

6. GRUNDLAGEN DER WIRTSCHAFTSREFORMEN

Šik bezeichnete seine Reformen manchmal als Marktsozialismus und manchmal als Dritter Weg. Die Argumentationsstruktur von Šik ist wie Folgende:

Erstens: Die wirtschaftliche Entwicklung der sozialistischen Länder war rückständiger als kapitalistischen Ländern. Diese Feststellung wurde allgemein akzeptiert, trotzdem gab es immer Täuschungsmanöver. Der zeitgenossische Entwicklungsgrad eines sozialistischen Landes wurde mit der Vergangenheit des Landes und nicht mit der Entwicklungsstufe der kapitalistischen Länder verglichen. Im Fall der Tschechoslowakai hat dieses Land eine betrachtliche wirtschaftliche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, nur diese Vergleich mit sich selbst war irreführend, weil was besonders wichtig war, war die Einholung und Überholung des wirtschaftlichen Entwicklungsgrads der kapitalistischen Länder. 

Zweitens: Laut Šik lag die Verantwortung für die Rückständigkeit der sozialistischen Wirtschaft bei der Unterdrückung des Marktmechanismus. Die Zentralplanung konnte nicht den Marktmechanismus als regulativen Mechanismus ersetzen. Šik hatte ganz andere Meinung als die Nomenklatura in den sozialistischen Ländern. Die Nomenklatura hatte die Auffassung, dass der Markt nur eine ergänzende Funktion haben konnte. Der Markt-mechanismus unterstützte die Effektivität des Großplans. Für Šik was besonders wichtig war der Markt; der Großplan hatte eine ergänzende Funktion. In diesem Fall sollten auch die mit dem Markt entkoppelten Regeln eingeführt werden wie große Unabhängigkeit der Betriebe, mehr Lohn Differenzierung durch wirtschaftliche Effektivität und Freisetzung der Preise (Marktpreise). 15

“Ohne Marktpreise fehlt das Grundkriterium für jede Effektivitätsberechnung für Substitutionserwägungen, für die wirtschaftliche Ausnutzung der Produktionsressourcen.” 16

Der wichtigste Unterschied zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus liegt in der Eigentumsfrage. Im Kapitalismus haben die Privatpersonen sogar verschiedene Formen von Monopolon bzw. Oligopolen das Eigentum des Produktionsmittels, dagegen hat der Staat einzige Besitzer des Eigentums im Sozialismus. Šik hatte eine andere Antwort für die Eigentumsfrage.

Für Šik die einzige Lösung ist die Neutraleigentum, d.h. weder kapitalistisch noch staatlich. Die Betriebsmitarbeiter haben das Eigentum des Betriebes und ihre Einkommen werden mit den Marktresultaten entkoppelt. Sie haben die Möglichkeit mit ihren Stimmen die wirtschaftliche Aktivität des Betriebes beeinflussen und den Gewinn zu erhöhen. 17

Damit die Arbeiter fühlen sich verantwortlich für die Entwicklung der Produktion, sonst was sie interessieren, war die Fertigstellung des Prodiktionsziels im Plan. 

Šik kritisierte die Auffassung, dass die Erhöhung der sozialistischen Moral eine Lösung der wirtschaftlichen Probleme war. Laut Šik das Hauptproblem der sozialistischen Gesellschaft war die überzentralisierte Wirtschaftsordnung. Die Bürokratisierung und der undemokratische Entscheidungsmechanismus waren die obligatorischen Resultate dieses Phänomens. Šik kritisierte Guevara, Trotzkisten und Maoisten, weil sie die Hauptursache des Problems nicht betrachteten und beschäftigten sich nur mit den Ergebnissen. 

Šik hatte die Auffassung, dass die zentrale Planung nur die allgemeine Rahmenbedingungen und langfristige Ziele der Wirtschaft bestimmt; der Rest soll zu den Unternehmenskollektiven überlassen werden.

Šiks Ideen konnten nicht im Rahmen der Wirtschaftsreformen interpretiert werden. Wenn der Großplan seine Bedeutung verloren hätte, würden die Betriebe  eigenständig und die Betriebs-kollektiv hätte die Verantwortung des Betriebes übernomment; dann hätte die Nomenklatura in politischen und wirtschaftlichen Bereichen ihe Macht verloren.

“Im ’realsozialistischen’ System liegt die gesamte Entscheidungsbefugnis über die volkswirtschaftliche Entwicklung in den Händen eines monopolistischen Partei- und Planungsapparat…” 19 

Wenn sie das Entscheidungsmonopol in der Wirtschaft verlieren,  ist die politische Ent-machtung fast obligatorisch. Es war kein Wunder, dass die Nomenklatura gegen radikale Reformen bitterlich gekämpft hat. Šik hatte dieses Verhältnis 1971 im Exil festgestellt.

“Am größten aber ist (…) die Angst vor der Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Liberalisierungen zu einer politischen Demokratisierung.” 20

7. FRITZ BEHRENS UND OTA ŠIK

Šik und Behrens mit Kornai waren drei bekannte Reformökonomen in den europäischen sozialistischen Ländern. Einige Bücher von Šik wurden in der DDR veröffentlicht. Šik und Behrens hatten neben Gemeinsamkeiten auch deutliche Unterschiede. 

Die beiden hatten die Auffassung, dass das Wirtschaftssystem der sozialistischen Länder nicht fähig war, in der qualitativen Entwicklung dem Westen gleichzukommen. Die Einholung und Überholung der westlichen Wirtschaft waren nicht möglich. 

Šik und Behrens hatten zwei große Unterschiede:
Erstens: Šik betrachtete das real existierende System als Sozialismus im Form von Staats-monopolismus. Dagegen war für Behrens dieses System noch nicht Sozialismus, sondern ein Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. 

Zweitens: Für Šik war die Unterdrückung des Marktmechanismus die Ursache des Problems. Dagegen hatte Behrens die Auffassung, dass der Markt und Sozialismus unvereinbar waren. Für die Lösung des Problems hatte Šik die Auffassung, dass eine Kopplung der Planung mit dem Markt nötig war. Für Behrens war diese Beziehung zwischen Markt und Planung nur während der Übergangsperiode nötig, sonst der Sozialismus hatte keinen Marktmechanismus. 21

8. MÖGLICHE KONSEQUENZEN DES  PRAGER FRÜHLINGS IM SOZIALISTISCHEN BLOCK

Šik wollte ein anderes System: Sozialismus mit umfassenden Marktmechanismus und Demokratisierung in allen gesellschaftlichen Ebenen. Es war den einzigen Rettungsweg des Sozialismus.

“Es existiert nur ein einziger Weg zur Rettung des Sozialismus – sein wirtschaftliches und politisches Model grundlegend zu ändern.” 22  

Nach der Meinung von Šik sollte die Partei ihr Machtmonopol aufgeben und “ihren Stil der Parteiarbeit gründlich ändern. (…) Damit hatte er den Grundgedanken der Reformer formuliert; künftig sollte nicht mehr die leninistische Parteikonzeption die Macht der Partei legitimieren, sondern die Lebensverhältnisse der Menschen im Sozialismus sollen künftig den Maßstab ihres Handelns bilden.”  23  

Hier stand eine große Bedrohung für die Nomenklatura. Prager Frühling könnte verehrende Konsequenzen für die Nomenklatura in allen sozialistischen Ländern, besonders für Ungarn, Poland und DDR (Domino-Effect). Wenn ein Land im sozialistischen Block einen eigen-ständigen Weg für den Sozialismus wählen konnte, würden die anderen Länder auch dieses Beispiel folgen. 

Als die wirtschaftliche Reformen und ihre politischen Konsequenzen die absolute Macht der Nomenklatura auch in der UdSSR im Gefahr setzten, war die militärische Intervention unvermeidbar.

9. FAZIT

Warum war der Realsozialismus reformunfähig? 

Obwohl viele Mitglieder der Nomenklatura wirtschaftliche Reformen wollten, wurden deren Praktisierung ab einem bestimmten Punkt gekippt, verhindert, sogar durch die Militär-intervention gestoppt. 

Der Reformsozialismus war ein Sammelbegriff, weil es zwischen den Reformideen beträchtliche Diskrepanzen gab. Die Nomenklatura wollte nur wirtschaftliche Reformen, aber keine politische. Die Reformökonomen übereinstimmten sich über die Ursachen der Misswirtschaft, aber hatten verschiedene Reformvorstellungen. 

Die Reformbewegung in der Tschechoslowakei hatte einen Massencharakter. Die kommunistische Partei und das Volk (mit einzigen Außnahmen) unterstützten die Reformen. Die Reformbewegung in diesem Land stellte die Systemfrage. Sie wollte nicht nur wirtschaftliche Reformen, sondern eine andere Art vom Sozialismus jenseit den sowjetischen Typus durchführen. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg exportierte die Sowjetunion ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung in die Ost- und Mittleeuropäischen Länder: wirtschaftliche Zentral-planung, die gesicherte Macht der kommunistischen Partei durch die Verfassung, die Priorität der schweren Industrie und Aufrüstung. Die Nomenklatura hatten sich mit diesem System identifiziert, deshalb andere Art vom Sozialismus war inakzeptabel. 

Die Nomenklatura wollte keine umfassenden Reformen, weil ihre Existenz dadurch bedroht wurde. Wirtschaftliche Reformen ohne politische Konsequenzen blieben als kozmetische Änderungen, die keine bemerkenswerte Ergebnisse gebracht hatten. Wenn die Betriebe deutlich mehr eigeninitiative hätten, hätte sich das Kraftverhältnis innerhalb der Nomenklatura zugunsten des wirtschaftlichen Teils verschoben. Der politische Teil würde dann die reformen blockieren. Wenn die Reformbewegung eine umfassende Demokra-tisierung wollte, war dann die Existenz der ganzen Nomenklatura im Gefahr. Diese Gefahr bestand nicht nur in einem Land, sondern wegen der “Dominoeffekt) für alle sozialistischen Länder. 

Als die Reformen einen Machtverlust bedeuteten, blockierte die Nomenklatura die Reformen. Als die Mehrheit der Partei die Reformbewegung unterstützte (wie der Fall in der Tschechoslowakei), dann fand eine militärische Intervention statt (Invasion).

Der Realsozialismus war reformunfähig, weil innere Blockade ziemlich groß war. Um-fassende Reformen fuhren zur Systemfrage als die Reformbewegung einen Massencharakter hatte, der zu einem grossen Widerstand der Nomenklatura verursachte.

10. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

a) Quellen
Stefan Karner (Hrsg.): Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968, Band I: Beiträge, Köln 2008.

b) Literaturverzeichnis
Eyal, Gil/Szelenyi, Ivan/Townsley, Eleanor: The Theory ou Post-Communist Managerialism, in: New Left Review, Nr. 222/1997.
Guevara, Che: Economics and Politics in the Transition to Socialism, London 1998.
Kornai, Janos: The Socialist System, Oxford 1992.
Krause, Günter und Janke, Dieter (Hrsg.): „Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…“, Hamburg 2010.
Kosta, Jiri: Abriß der sozialökonomischen Entwicklung der Tschechoslowakei 1945-1977, Frankfurt a.M. 1978.
Mylnar, Zdenek: Der Prager Frühling”, Köln 1983.
Šik, Ota: Fakten der tschechoslowakischen Wirtschaft, Zürich 1969.
Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern, 
Zürich 1971.
Šik, Ota: Der Dritte Weg, Hamburg 1972.
Šik, Ota: Ein Wirtschaftssystem der Zukunft, Berlin 1985.
Veser, Reinhard: Der Prager Frühling 1968, Erfurt 2008.
Šik, Ota, Wirtschaftssysteme, Zurich 1987.
Staniszkis, Jadgiwa: Post-Kommunismus, Versuch einer soziologischen Analyse, in: Prokla (1998) 28/3. 


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1 Šik, Ota, Wirtschaftssysteme, Zurich 1987, S. 109. 

2 Eyal, Gil/Szelenyi, Ivan/Townsley, Eleanor: The Theory ou Post-Communist Managerialism, in: New Left Review, Nr. 222/1997, S. 60-92. 

3 Staniszkis, Jadgiwa: Post-Kommunismus, Versuch einer soziologischen Analyse, in: Prokla (1998) 28/3, S. 375-394. 

4 Zubok, Vladislav: Die sowjetrussische Gesellschaft in den sechziger Jahren, in: Stefan Karner (Hrsg.): Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968, Band I: Beiträge, Köln 2008, S. 828. 

5 Karel, Kaplan: Die Wurzeln der 1968er Reform, in in: Stefan Karner (Hrsg.): Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968, Band I: Beiträge, Köln 2008, S. 96.

6 Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern, Zürich 1971, S. 26.

7 Steiner, Helmut: Fritz Behrens im osteuropäischen Kontext, in: Günter Krause und Dieter Janke (Hrsg.): “Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…”, Hamburg 2010, S. 31.

8 Tesch, Joachim: Fritz Behrens, Ota Šik und die Debatte über den Sozialismus im 21. Jahrhundert, in: Günter Krause und Dieter Janke (Hrsg.): “Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…”, Hamburg 2010, S. 130. 

9 Steiner, Helmut: Fritz Behrens im osteuropäischen Kontext, in: Günter Krause und Dieter Janke (Hrsg.): “Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…”, Hamburg 2010, S. 25.

10 Steiner, Helmut: Fritz Behrens im osteuropäischen Kontext, in: Günter Krause und Dieter Janke (Hrsg.): “Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…”, Hamburg 2010, S. 32. 

11 Guevara, Che: Economics and Politics in the Transition to Socialism, London 1998. 

12 Karel, Kaplan: Die Wurzeln der 1968er Reform, in: Stefan Karner (Hrsg.): Prager Frühling. Das Internationale Krisenjahr 1968, Band I: Beiträge, Köln 2008, S. 94-5. 

13 Kosta, Jiri: Abriß der sozialökonomischen Entwicklung der Tschechoslowakei 1945-1977, Frankfurt a.M. 1978, S. 133. 

14 Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern, Zürich 1971, S. 21.

15 Šik, Ota: Argumente für den Dritten Weg, Hamburg 1973, S. 53-87. 

16 Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern, Zürich 1971, S. 22. 

17 Šik, Ota: Grundpfeiler eines demokratisch-sozialistischen Wirtschaftssystems, in: Zdenek Mlynar (Hrsg.): Der „Prager Frühling“, Köln 1983, S. 188-9. 

18 Šik, Ota: Argumente für den Dritten Weg, Hamburg 1973, S. 154-171. 

19 Šik, Ota: Grundpfeiler eines demokratisch-sozialistischen Wirtschaftssystems, in: Zdenek Mlynar (Hrsg.): Der “Prager Frühling”, Köln 1983, S. 168. 

20 Šik, Ota: Der Strukturwandel der Wirtschaftssysteme in den osteuropäischen Ländern, Zürich 1971, S. 34. 

21 Behrens, Fritz: Exkurs: Zu Ota Šiks Drittem Weg, in: Günter Krause und Dieter Janke (Hrsg.): “Man kann nicht Marxist sein, ohne Utopist zu sein…”, Hamburg 2010, S. 172-87. 

22 Šik, Ota: Fakten der tschechoslowakischen Wirtschaft, Wien 1969, S. 10.

23 Wilke, Manfred: Die DDR in der Interventionskoalition gegen den “Sozialismus mit menschlichem Antlitz”, in: Zdenek Mlynar (Hrsg.): Der “Prager Frühling”, Band I: Beiträge, Köln 1983, S. 423-24.



Kurze Zusammenfassung der zeitgenossischen türkischen Literatur


Vortrag am 13.02.09 in Bregenz 

Es gibt verschiedene Facetten der zeitgenössischen Literatur: Entweder sind die AutorInnen zeitgenössisch oder das Thema ist ein Gegenwartsthema. Einige Themen sind eigentlich alt bekannt, trotzdem zeitgenössisch. 

Ich konzentriere mich auf drei Autoren und ein Thema, ein altes und zeitgenössisches Thema: die Identität.Dieses Thema ist seit mehr als hundert Jahren aktuell. Denn die Türken beschäftigen sich mit ihrer eigener Identität seit mehr als hundert Jahren.Wer sind wir? Haben wir eine Funktion in der Geschichte? Wenn ja, was ist unseren Platz in der Geschichte der Menschheit, besonders im 20. Jahrhundert? 

Was heißt ein Türke zu sein?

Die Literatur eines Landes kann nicht außerhalb der Kulturgeschichte der Gesellschaft bewertet werden. Die große Identitätsproblematik spiegelt sich in der Literatur wider.Die Literatur beschäftigt sich mit dem Unbewussten in der Gesellschaft und im Individuum. 

Die Türken haben eine großes und 600 Jahre dauerndes Reich (Osmanische Reich) verloren und diesen Verlust nie vergessen können. Dieses Reich lebt noch im Unterbewusstsein der Türken. 

In den letzten Jahren des osmanischen Reiches, beschäftigten sich viele Intellektuelle und Autoren mit dem Thema der Vereinbarkeit der westlichen Zivilisation mit dem Islam. Es wurde keine konkrete Lösung gefunden.Die erste Modernisierungswelle in der Türkei, die mit Atatürk anfing, intensivierte die Identitätskrise der türkischen Gesellschaft. Diese Gesellschaft wurde verwestlicht, und dadurch brach die kulturelle Kontinuität ab. Das arabische Alphabet wurde per Gesetzt abgeschafft und das lateinische Alphabet eingeführt und danach wurden hunderte von Wörtern durch europäische ersetzt. So hat sich die türkische Sprache in kurzer Zeit so radikal verändert, dass heutige Generationen die vor kaum einem Jahrhundert entstandenen Werke nicht mehr lesen und verstehen können. 

Widersprüche im Verwestlichungsprozess, der Konflikt westlichen- und östlichen Werte ist immer ein beliebtes Thema in der Literatur.
   
Drei bekannte Schriftsteller aus verschiedenen Generationen beschäftigten sich mit diesem Thema in ihren literarischen Werken: Ahmet Hamdi Tanpınar, Orhan Pamuk und Elif Şafak. 

Ahmet Hamdi Tanpınar, einer von  bekanntesten türkischen Schriftsteller, ist im Jahr 1949 gestorben, aber seine Romane sind immer noch hoch aktuell. In den Romanen “Harmonie” –einen der besten Romane in der türkischen Literatur- und “Das Institut zum Einstellung der Uhren” beschäftigte er mit der Identitätsproblematik der Türken, eine Nation zwischen Osten und Westen liegt und gehört zu keinem. Tanpınar war für eine Verknüpfung der östlichen und westlichen Kulturen und er wusste schon, dass diese Problematik seit Ende des 19. Jahrhundert besteht. Östliche Identität ist geprägt vom Islam und hier liegt das Problem der modernen Türkei: Der Platz des Islam in der gesellschaftlichen und persönlichen Leben. Dieses Problem ist bis heute ungelöst. Bei dieser Problematik gibt es zwei Extreme: Die so genannten “aufgeklärten Köpfe” lehnen das Islamismus total ab. Sie betrachten den Islam als eine private Sache. Sie vernachlässigen, dass der Islam nicht nur ein privates, sondern auch das gesellschaftliche Leben reguliert. Andere Extreme lehnt die komplette Verwestlichung ab. Die Literaturgeschichte der modernen Türkei ist voll von Grabenkämpfen zwischen zwei Fronten. Der laizistische Teil der Gesellschaft lehnte Ahmet Hamdi Tanpınar ab, weil er für eine vernünftige Mischung von östlichen- und westlichen Werten war. 

Tanpınar war eigentlich ein westlich orientierter Mensch und repräsentierte eine andere Moderne in der Geschichte der Türkei. Diese Moderne, anders als Kemalismus, lehnte nicht die östlichen Wurzeln der Gesellschaft ab. Er wollte auch eine nach der westlichen Zivilisation orientierte Gesellschaft mit Versöhnung ihrem Wurzeln. Diese sind Osmanisches Reich und moderate Islamismus. 

Gleiches Thema findet man in den Romanen von Orhan Pamuk. Das Nobel Komitee begründete ihre Nobel Literatur Preis Verleihung für Orhan Pamuk besonders bemerkenswert: Er nutzte westliche Romantechnik um die östliche Themen zu erzählen.”In seinem Roman “Das Schwarze Buch”,  und “Schnee” beschäftigte sich mit dem Einfluss des Islam in der zeitgenössischen türkischen Gesellschaft. 

Die Geschichte des Osmanischen Reichs ist ein anderes beliebtes Thema in seinen Romanen. Er erzählt die Zeit der Osmanen, um ihren Einfluss in der modernen Türkei zu reflektieren. 

Es gibt keine Synthese zwischen Ost- und West, in der Realität leben die Menschen im zweidimensionalen Identitätsraum. Weil keine konsistente Mischung zwischen Ost und West stattgefunden hat, große Verschiebung von Osten nach Westen oder vice versa ist immer möglich. Ahmet Hamdi Tanpınar sagte: “Wir wollen eine Mischung von östlichen- und westlichen Werten, statt dessen haben wir Menschen mit doppeltem Charakter.” 

Die verschiedene Facette dieser Charaktere ist ein beliebtes Thema in der zeitgenössischen türkischen Literatur. 

Ob Orhan Pamuk als Muslim, ein überzeugter Demokrat und Europäer gilt als wünschenswerte Synthese, bleibt aber noch unentschieden. 

Elif Shafak behandelte vorwiegend historische und islamisch-mystische Themen. Die Kritiker, die den kemalistischen Modernismus verteidigen, kritisieren ihre Sprache. Sie verwendet meistens nicht die neuen türkischen Wörter, sondern das alte Osmanische.Ihre Themen kreisen um aktuelle Identitätskrisen; von der Ausgrenzung als Minderheit bis zu Persönlichkeitsstörungen. 

Für Elif Shafak steht Ahmet Hamdi Tanpınar als literarischer Grundstein im Mittelpunkt ihres schriftstellerischen Werdens. Die geistige Haltung von Tanpınar basiert auf der Synthese von Wissen, Kunst, Mystik, Natur und Kultur. Für ihn nur in der humanistischen Nutzung dieser Synthese für die ganze Menschheit wäre eine sinnerfüllte Zukunft begründbar. 

Die blutige Geschichte ist auch ein wichtiges Thema innerhalb der Literatur. Der Völkermord an den Armeniern, der seit Jahren andauernde schmutzige Krieg gegen die Kurden sind die beliebten und gefährlichen Themen.Elif Shafaks Roman über eine türkisch-armenische Familiengeschichte, Der Bastard von Istanbul, sorgte in der Türkei, wo die Aufarbeitung der türkisch-armenischen Geschichte weitestgehend tabuisiert ist, für Aufsehen. Elif Shafak, wie Orhan Pamuk, wurde unter Berufung auf Artikel 301 des türkischen Strafgesetzes (“öffentliche Verunglimpfung der Republik und der Grossen Türkischen Nationalversammlung”) angeklagt. 

Nach nationalen und internationalen Protesten wurden beide Verfahren eingestellt. 

Ob Elif Shafak eine andere türkische Moderne repräsentiert, ist noch ungewiss. 


Engin Erkiner

Arbeiterbewegung in den 90er Jahren in der Türkei


Am 12. September 1980 erlebte die Türkei einen grausamen Militärputsch.   

Alle linksorientierten Gewerkschaften, Vereine und legale Parteien wurden verboten. Viele Arbeiterführer wurden verhaftet und zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. 

Die Militärregierung verfolgte eine gnadenlose neo-liberale Wirtschaftspolitik. Fast alle Arbeitern und Angestellten hatten keine Gehaltserhöhung und sie konnten dagegen nichts unternehmen. Streiken und jegliche Art von Protest war verboten.

In der zweiten Hälfte der 1980’er Jahren erholte sich die Arbeiterbewegung. Bank- und Büroangestellte, die sich vor 1980 nicht als Arbeiter wahrgenommen haben, beteiligten sich nach 1985 an den Streiks und andere Form des Widerstands. 

Die Arbeiter aus dem privaten Sektor, sogar diejenigen Arbeiter in den Staatsfabriken, hatten neue Widerstandsformen erfunden. Die Arbeiter in verschiedenen Fabriken meldeten sich am gleichen Tag krank und marschierten zusammen zum Krankenhaus. Es war eine Arbeitsniederlegung und Kundgebung der s.g. “krank meldenden Arbeiter”. Diese Form des Widerstands war neu. 

Der Ort des Widerstands war İstanbul, wo die türkische Industrie- und Dienstleistungen konzentriert waren.

Eine von wichtigsten Widerstand in Istanbul fand in der Pasabahce-Glasfabrik statt 

Pasabahce war seit 1930’er Jahren einen bekannten Ort für die Glasproduktion. In Istanbul in der Pasabahce Flaschen-Glas-Fabrik sollten 584 Arbeiter entlassen und die Abteilung der Glasbläser geschlossen werden. Daraufhin legte die gesamte Belegschaft der Fabrik am 25. Juli 1991 die Arbeit nieder und begann mit ihrem Widerstand, der 21 Tage dauerte. Um den Kampf der Arbeiter, die den Betrieb verlassen hatten, zu unterstützen, wurde jeden Tag am Abend von den Familien, den Nachbarn, die im Stadtviertel wohnten und den Arbeitern aus anderen Betrieben Demonstrationen veranstaltet. Der Widerstand gegen die Entlassungen und die Schließung erfasste den ganzen Stadtteil. 

Diese Entwicklung war selten in den Streiken der Türkei. Normalerweise streikten die Arbeiter, manchmal beteiligten sich auch ihre Familienangehörige an den Widerstand, nur die Beteiligung des ganzen Stadtgebiets war völlig neu. 

In einegen Städten wie Zonguldak lebte eine ganze Stadtteile von einer Fabrik oder wie in Zonguldak von einem Bergbau. Wenn die Arbeiter kein Geld mehr hätten, hätte diese eine sofortige Wirkung auf den Stadtteil sogar die ganze Stadt. In solchen Stadtteilen wurde der Streik von allen Bewohnern des Stadtteils  unterstützt. 

Am 14. August 1991 wurden nach Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern die Entlassungen zurückgenommen, der Widerstand der Belegschaft endete so mit einem Sieg. 

Ein weiterer wichtiger Ort war Zonguldak durch der Streik der Bergarbeiter 

Zwischen November 1990 und Januar 1991 fand der große Bergarbeiterstreik. 

Zonguldak war seit Jahren ein Ort für Kohlproduktion. Im Jahr 1990 war die Tarifverhandlung zwischen den Staat –damals war die Kohleproduktion in der Türkei noch nicht privatisiert - und Bergarbeitergewerkschaft gescheitert. Am 30. November 1990 fing ein Streik an. 

Die Bergarbeiter protestierten einige Wochen lang in Zonguldak und in Kozlu –ein Ort in der Nähe von Zonguldak- gegen die Regierung, nur diese blieb unbeeindruckt. Die Gewerkschaft und die Arbeiter sollten entweder von der Regierung vorgeschlagene Tariferhöhung akzeptieren oder etwas anderes unternehmen. 

Sie hatten sich für eine außergewöhnliche Aktion entschieden: Ein vf. 500 km. langer Protestmarch von Zonguldak nach Ankara. 
  
Am 3. Januar 1991 hat der größte Gewerkschaftsbund der Türkei, Türk-İş (Türkischer Gewerkschaftsbund) zum einen eintägigen Generalstreik aufgerufen. Und solidarisiert sich mit den Bergarbeitern.
  
Am 4. Januar 1991 begann der Marsch nach Ankara, an dem sich zehntausende Bergarbeiter und ihre Familien trotz des widrigen Winterwetters beteiligten. 
  
Am  Anfang lag die Zahl der Protestierer bei ca. 25 Tausend. Während des Protestmarschs nahm die Zahl zu. Viele arbeitende und nicht arbeitende Menschen nahmen teil. Am Ende erreichte die Zahl ca. 100.000.
  
Am 8. Januar wurde ihre Marsch aber von der Staatsgewalt gestoppt. Danach gab es erneut Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und die Regierung, ohne dass ein Ergebnis erzielt wurde und unter dem Vorwand der damaligen Golfkrise, wurde der Streik vertagt. Am 6. Februar 1991 wurde ein Tarifvertrag unterschrieben. Die Arbeiter erhielten Lohnerhöhung und mehr soziale Rechte.
  
Der Kampf der Bergarbeiter in Zonguldak wurde von vielen Arbeitern aus anderen Gegenden und von der demokratischen Öffentlichkeit solidarisch unterstützt. 

Ein weiterer Widerstand war die Bergbesetzung der Arbeiter des Karakaya Braunkohle-Betriebs in Bayat/Corum 

Im Landkreis Bayat/Corum wurden am 20. September 1991 450 Arbeiter des Karakaya Braunkohle-Betriebs entlassen, da diese sich gewerkschaftlich bei der Bergbau-Gewerkschaft organisiert hatten. In den 60er Jahren war in den Großstädten der Türkei diese Verhaltensweise der Arbeitgeber üblich. Wenn die Arbeiter in einer Fabrik in der Gewerkschaft organisierten, oder sie wollten zu einer Gewerkschaft wechseln, wurden sie meist entlastet. Diese Verhaltensweise der Arbeitgeber war nach 1990 ich klein Städten bemerkbar. 

Aus Protest dagegen begannen die Arbeiter folgende Aktion: Sie stiegen auf einen nahen Berg, bauten dort Zelte aus Plastikplanen auf und blieben 88 Tage dort. Nach dieser langen Zeit war die Gesundheit der Bergbesetzer angegriffen und sie mussten ihre Aktion beenden. Auf dem Weg nach unten in das Bergbaugebiet wurden sie von Gendarmerie eingekreist und vor die Staatsanwaltschaft gebracht. Die Aktion der Bergarbeiter, die einen großen Widerstandsgeist zeigte, ist eins der charakteristischen Beispiele in der Geschichte unsere Arbeiterbewegung und nimmt dort ihren Platz ein. 

Als letztes Beispiel werde ich die Aktionen und Streik in der Maga-Leder-Fabrik vorstellen 

In der Lederfabrik in Köseköy/Izmit begann am 21. Januar ein Streik, der von der Leder-Gewerkschaft organisiert worden war. Unter dem Vorwand der Golfkrise wurde dieser Streik am 25. Januar vom Vorstand der Gewerkschaft ausgesetzt. Am 27. Januar kehrten die Arbeiter in die Fabrik zurück und mussten feststellen, dass sie entlassen worden waren. In den folgenden Tagen, als sich abzeichnete, dass sie auch nicht bezahlt werden würden, drangen sie in die Fabrik ein und besetzten die Kantine. Zwei Monate dauerte dieser Widerstand. Am Ende musste der Chef der Fabrik akzeptieren, den Arbeitern Schadensersatz zu zahlen. So endete die Besetzung  am 9. Mai 1991. Diese Aktion ist ein Beispiel für einen Streik, bei dem es um Rechte der Arbeiter geht, z.B. Entschädigung zu erhalten, die ihnen zusteht. 
  
Ich habe hier nur einige Beispiele der Streiks am Anfang der 90er Jahren erwähnt. Die türkische Arbeiterbewegung erlebte einen kurzfristigen Schwung in der zweiten Hälfte der 80er und am Anfang der 90er Jahren. 
Im 1990 waren die Zahl der Streiks 458 und die Zahl der beteiligten 166.306
Im 1991 waren die Zahl der Streiks 398 und die Zahl der beteiligten 164.968
Ein Jahr später, im Jahr 1992 waren die Zahlen 98 und 62.189
Nach fünf Jahren, im Jahr 1997 waren die Zahlen 37 und 7045.
Im Jahr 2004 waren die Zahlen noch niedriger: 30 und 3557.

Also zur Zeit die Arbeiterbewegung konfrontiert sich mit dem Problem der Reorganisierung 

Ich benenne nur einige Gründe warum die türkische Arbeiterbewegung schwächer geworden ist:

– Als erstes kann ich die Privatisierungswelle nennen: Zahlreiche staatliche Betriebe wurden privatisiert. An den neuen Betrieben beschäftigen sich wenige Arbeiter und sie sind meistens keine Gewerkschaftsmitglieder. 

– Ich nenne ein Beispiel: Die Gewerkschaft Tez Koop-İş, ähnlich wie ver.di in Deutschland, versucht bei den großen Einzelhandelsketten ausländischer Unternehmen wie Metro, Praktiker, Real, Carrefour Strukturen aufzubauen, was aber noch nicht gänzlich gelungen ist. Die ausländischen Unternehmen haben  -nicht nur im großen Einzelhandelsketten-  eine ablehnende Haltung  gegen die Gewerkschaften. 

– Nach 12. September 1980 wurden die Gesetze über die gewerkschaftliche Tätigkeit geändert. Tariffähigkeit in den Betrieben wurde deutlich erschwert. Nicht nur im privaten, auch im öffentlichen Sektor zunehmend die Tendenz, sich gegen die Anerkennung der Gewerkschaften zu stellen und Gewerkschaften als Verhandlungspartner abzulehnen.  In vielen Provinzen versuchen die Gouverneure, die zugleich regionale öffentliche Arbeitgeber sind, unter den neu eingestellten Beschäftigten eine gewerkschaftliche Organisierung zu verhindern.

– Zum Organisationsgrad: Es gibt in der Türkei keine verlässlichen Angaben über die Gesamtzahl der Beschäftigten und die Gesamtzahl zum Organisationsgrad. Nach Schätzungen beläuft es sich auf ungefähr 10 bis 11 Prozent. Am Angang der 90er Jahren war die Anzahl der gewerkschaftlich Organisierten deutlich höher. Die Privatisierungswelle wurde fast die Hälfte der Organisierten aus den Gewerkschaften  gedrängt. 

– Zum Ende können wir sagen, dass die Kriese der Gewerkschaften in der Türkei nur überwunden werden kann, wenn die Gewerkschaften nicht mehr die Lohnverhandlungen als die Gewerkschaftspolitik darstellen, sondern sich wieder als Arbeiterinnen organisationen begreifen, d.h. die grundlegenden Interessen der arbeitenden Menschen in den Vordergrund zu stellen. 



Engin Erkiner

DIE GESELLSCHAFTLICHE KONSTRUKTION DER WIRKLICHKEIT IM ZEITALTER DER GLOBALISIERUNG: BEISPIEL SICHERHEIT


1. EINLEITUNG

Das Buch von Berger und Luckmann, Die Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit wurde vor 43 Jahren verfasst. Sie hatten die Meinung, dass alltägliches Wissen der wichtigste Teil des menschlichen Wissens war. Dieses Wissen war mit Ort und Zeit gebunden, mit hier und jetzt. Es beinhaltet das Wissen von anderen Zeiten und Orten. 

In den 60er Jahren, vor der Zeitalter der Globalisierung, konnte ein wichtiges Ereignis in den anderen Teilen der Welt unseres Leben deutlich weniger beeinflussen als heute. Sie änderte nicht unsere alltäglichen Begriffe und Typisierungen. 

Im Zeitalter der Globalisierung erhöht sich die Interdependenz der Regionen. Ein wichtiges Ereignis in einer Region kann sich durch Medien auf der ganzen Welt verbreiten und auch dort das alltägliches Leben dauerhaft beeinflussen. 

In dieser Arbeit will ich die Änderung der gesellschaftlichen Konstruktion der alltäglichen Wirklichkeit betrachten. Ein fernes Ereignis ist nicht nur eine Nachricht in der Fernsehen, sondern es kann unser alltägliches Leben stark beeinflussen. 

Die Frage der vorliegenden Arbeit ist: Wie die Wirklichkeit der Alltagswelt sich in einer globalisierten Welt verändert? 

Die Arbeit wird folgendermaßen entwickelt:

- Wichtigkeit des Buches, Die Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit in der Geschichte der Wissenssoziologie. 

- Erläuterung der zentralen Thesen des Textes. 

- Aspekten der Globalisierung. Weil es zahlreiche Aspekten gibt, konzentrierte ich mich im Rahmen meines Themas besonders auf die Rolle der Medien im Alltagswelt, Beschleunigung und die Entwicklung der Kommunikation. 

- Wie unsere alltägliches Leben von der Globalisierung stark beeinflusst werden kann?

- Als Beispiel wähle ich die Attacke am 11.09.2001an den Zwillings-Türme in New York, weil dieses Ereignis einen Wendepunkt der Konzepte wie Sicherheit und Gefahr in verschiedenen Ländern der Welt ist.

- Darstellung der Änderung das Konzept Sicherheit im Alltagsleben. 

2. DIE GESELLSCHAFTLICHE KONSTRUKTION DER WIRKLICHKEIT

2.1. Wichtigkeit des Buches in der Geschichte der Wissenssoziologie 

Das Buch von Berger und Luckmann war einen Wendepunkt in der Wissens-soziologischen Theorieentwicklung. Die Autoren beschäftigen sich mit der Wirklichkeit der Alltagswelt, die dem Verstand des gesellschaftlichen Normal-verbrauchers zugänglich ist,. Sie hatten sich nicht mit der Ideologiekritik, falsches Bewusstsein und Weltanschauungsanalyse interessiert.

“Im Mittelpunkt steht nun vielmehr die Frage, wie das, was den Gesellschafts-mitgliedern als Wirklichkeit entgegentritt selbst das Produkt sozialer Konstruktionen ist. Damit rückt die Frage nach dem Alltagswissen und nach den Strukturen des Wissens in der Welt des Alltags an zentrale Stelle.” (Berger / Luckmann, 1980, S. 24)

Es gibt Vielfalt vom Wissen und nur einen bestimmten Teil des Wissens ist gesellschaftlich etabliert. Wissen ist gesellschaftlich konstruiert und die Wissenssoziologie untersucht wie diese geschehen zustande kommt? 

Durch die Theorie von Berger und Luckmann fand die Wissenssoziologie eine neue Orientierung. 

2.2. Wirklichkeit und Gesellschaft 

Subjektive Erfahrungen spielte eine wichtige Rolle in der Formation unseres Bewusstseins, nur einen erheblichen Teil unseres Wissens wird gesellschaftlich vermittelt. Verinnerlichte Wissen, das zu uns ganz natürlich scheint, wird in der Realität von der Gesellschaft vermittelt. 

“Wissen kann indirekt von anderen erworben werden. In der Tat ist das meiste Wissen, über das wir empirisch verfügen, ‘sozial abgeleitet’: Vieles, von dem, was wir wissen, haben wir nicht selbst erfahren. Wir haben es von unseren Eltern, unseren Lehrern, aus Büchern, aus Disketten und Computerbildschirmen.” (Knoblauch, 2005, S. 150) 

Die Alltagsroutine, gesellschaftliche Zeitstruktur, Vorurteile, geschriebene und ungeschriebene Regeln wurden vorher in der Gesellschaft festgestellt und von uns als “natürliches Wissen” verinnerlicht. 

Alle Menschen haben verschiedene Differenzen und Vorstellungen, aber sie teilen gemeinsam die Alltagswelt.

2.2.1. Verschiedene Berufe, Privatsphäre und Alltagsleben 

Einige Berufe wie Physiker, Mathematiker und Künstler haben wenig Gemeinsam-keiten mit der Alltagswelt. Ihre berufliche Welt, ihre spezielle Sprache fand kaum Verstand in dem gesellschaftlichen Leben. Nur diese Menschen leben auch in der Wirklichkeit der Alltagswelt. Wie alle anderen, teilen sie die Alltagswelt mit anderen Menschen. Obwohl ihre berufliche Welt sie von der alltägliches Welt ablenken, trotzdem sie sind ein Teil der Alltagswelt. 

Gleiche gilt für die Privatsphäre, wie z.B. die Träume der Menschen, die wenig sogar keine Gemeinsamkeit mit der Alltagswelt zu tun haben. Diese Menschen teilen die Normen und Strukturen der Alltagswelt mit den Anderen. 

2.2.2. Zeitstruktur der Alltagswelt 

Alltagswelt ist zeitlich strukturierte Routine Welt und diese Struktur hat eine vorarrangierte Reihenfolge. Um an den Arbeitsplatz zu fahren, man soll erst zu einem Bus einsteigen, dann umsteigen; um bestimmte Diplome zu haben, man soll erst einige Jahre Studium hinter sich haben… 

Man fühlt sich ohne die Zeitstruktur der Alltagswelt desorientiert. 

“Die Zeitstruktur der Alltagswelt mit ihren vorarrangierten Reihenfolgen legt nicht nur über die ‘Tagesordnung’ meiner Tage, sondern über meinen gesamten Lebenslauf. Im Koordinatensystem der Zeitstruktur halte ich mich nicht nur an meine Tagesordnung, sondern auch an die meines Lebens. Uhr und Kalender vergewissern mich, dass ich tatsächlich ‘ein Mensch meiner Zeit bin.” (Berger / Luckmann, 2004, S. 30-31) 

2.2.3. Sprache und Alltagswelt 

Die tägliche Sprache spielt eine wichtige Rolle in der Alltagswelt. Alltägliche Routine ist durch die Sprache etabliert. Wortschatz der alltäglichen Welt hat gleiche Bedeutung für alle Mitglieder der Gesellschaft. Die Unstimmigkeiten sind meistens mit der Fremden aus anderen Gesellschaften zu tun. Z.B wenn ein Mensch aus Mittleren Osten in der BRD ist und erfährt, dass er seine Visum bis zum 31. Mai verlängern soll, er und ein Deutscher versteht diese Aussage nicht gleich. Für eine ist die Zeitlimit bis Ende 31. Mai, für andere bis Anfang dieses Tages. 

Verschiedene Gesellschaften haben verschiedene Wortschätze, oder sie verstehen vom gleichen Wort unterschiedliche Bedeutungen. Dieser Wortschatz ist ein Ergebnis der kulturellen Geschichte. Die Jugendliche sind diese Wortschatz in ihrer Sozialisation durch ihre Familie, Lehrern und die Medien verinnerlicht. 

In manchen Fällen, bleibt das Wort gleich, aber seine Bedeutung ändert sich. Z.B. das Wort “Schwul” wird bis zu den letzten Jahren als Schimpfwort benutzt, seit kurzem bedeutet es in manchen Ländern wie BRD einfach als “ein sexueller Wahl”. 

Die Änderung in dem alltäglichen Wortschatz beinhaltet nicht nur neue Wörter, sondern die Bedeutungsänderung der alten Wörter.

2.2.4. Räumliche und zeitliche Ordnung in der Alltagswelt 

Realismus der Alltagswelt ist mit dem Ort und der Zeit gebunden. Die Alltagswelt ist räumlich und zeitlich strukturiert. 

“Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist um das ‘Hier’ meines Körpers und das ‘Jetzt’ meiner Gegenwart herum angeordnet. Dieses ‘Hier’ und ‘Jetzt’ ist der Punkt, von dem aus ich die Welt wahrnehme.” (Berger / Luckmann, 2004, S. 25) 

Wie ich später erwähne, mit der Globalisierung änderte sich die Bedeutung von ‘Hier’ und ‘Jetzt’. Man kann gleichzeitig in den verschiedenen Orten der Welt sein und trotzdem gleichzeitig über alles in einem Land Informationen erhalten. 

2.2.5. Alltagswelt und Typisierung 

“Die Wirklichkeit der Alltagswelt verfügt über Typisierungen mit deren Hilfe ich den Anderen erfassen und behandeln kann.” (Berger / Luckman, 2004, S. 33) 

Typisierung ist nötig für die Strukturierung der Alltagswelt. Typisierung ist meistens allgemein wie Polizist, Busfahrer, Bank angestellte sowie Zeitungsverkäufer. Jeder hat eine bestimmte Funktion in der Alltagswelt. Nur bei der Vis-a-Vis-Situation wird die Typisierung konkretisiert wie Bankangestellte in der Bank in unserem Viertel oder der Verkäufer in dem nächsten Aldi-Markt. 

Wie wird die alltägliche Welt in der Globalisierung geändert? 

3. ASPEKTE DER GLOBALISIERUNG 

Globalisierung hat verschiedene Aspekte und verursacht große Änderungen in fast alle Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. 

In dieser Arbeit wird nur der Einfluss der Globalisierung in dem alltäglichen Leben thematisiert. 

3.1. Die Entstehung der transnationale Räume

Transnationale Räume ermöglicht eine direkte Verbindung zwischen Individuen, Organisationen und Gemeinschaften ohne die Vermittlung der nationalen Staaten. Dieser Raum ist nicht nur mit der Migrationsbewegung zu tun, sondern sozialer Beziehungen von jeglicher Art über die Grenzen. 

3.2. Die Entwicklung der Kommunikation

Beziehungen über die Grenzen sind nicht möglich ohne die Entwicklung der Kommunikationsmittel wie Handys, Internet, Satelliten-TVs und verbilligte Ferngespräche. Globalisierung schafft neue Zeitlichkeit und Räumlichkeit. 

“So verstanden meint Globalisierung: das töten der Entfernung; das Hineingeworfen sein in oft ungewollte, unbegriffene transnationale Lebensformen; oder – in Anlehnung an Anthony Giddens definiert – Handeln und (Zusammen-)Leben über Entfernungen (scheinbar getrennte Welten von Nationalstaaten, religionen, regionen, kontinente) hinweg.” (Beck, 1999, S. 45) 

3.3. Die Beschleunigung des täglichen Lebens 

Wenn die Kosten der Überwindung des Raums und notwendige Zeitaufwand minimal sind, fand eine Beschleunigung des Lebens statt. Selbst das Arbeitsprozess sich enorm beschleunigt. Immer mehr Menschen wohnen in einer Stadt und arbeiten in anderen. Der Arbeitsprozess wird mehr geteilt als vorher, Z.B. eine NMR-Analyse ein Mensch in London findet in ein paar Minuten in Neu-Delhi statt (weil es dort billig ist). Ohne die Entwicklung der Kommunikationsmitteln ist diese allgemeine Beschleunigung nicht möglich. 

3.4. Änderung der Arbeitsbiographien 

Vor der Globalisierung hatten viele ArbeitnehmerInnen eine lineare Arbeitsbiographie. Der Lohn der ArbeiterInnen war von der Gewerkschaft stark unterstützt. Wie viel Stundenwoche arbeitet man, nach wie viel Jahren zur Rente geht, war alles vorher bekannt. Das Leben war berechenbar. 

Mit der Globalisierung erhöht sich Der Konkurrenzdruck und die Arbeitsorganisation wurde geändert. Die Arbeitszeit ist flexibler und der Gefahr der Arbeitslosigkeit ist erhöht. Eine lineare Arbeitsbiographie ist kaum möglich. 

“In der Arbeitswelt ist die traditionelle Laufbahn, die Schritt für Schritt die Korridore von ein oder zwei Institutionen durchläuft, im Niedergang begriffen. Dasselbe gilt für das Hinreichen einer einzigen Ausbildung für ein ganzes Berufsleben. Heute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zwei-jährigem Studium damit rechnen, in 40 Arbeitsjahren wenigstens elf Mal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens dreimal auszutauschen.“ (Sennett: in Kemper / Sonnenschein, S. 75) 

Weiterbildung ist kein neues Wort, nur mit der Globalisierung deutlich Populär im Alltagsleben geworden. 

Sicherheit sit auch keinen neuen Begriff, aber mit der Globalisierung und besonders seit 11.09.2001 hat ein neues Inhalt gewonnen. 

4. NEUE SICHERHEIT IM ALLTAGSLEBEN 

4.1. Kollektives Erlebnis - kollektive Angst 

Die Attacke gegen Twin-Towers in New York war nicht die erste Terror-Aktion, die zahlreiche Menschen leben kostet, nur die erste, die fast gleichzeitig in den verschiedenen Ländern der Welt erlebt wurde. Zahlreiche TV-Sender schalteten sich kurz nach der ersten Flugzeugattacke an einem des Towers und kurz danach wenn den zweiten Tower attackiert wurde, Millionen von Menschen, die in verschiedenen Zeitzonen der Welt leben, konnten gleichzeitig die schreckliche Bilder von dem Bildschirm sehen. 

Diese Bilder und ihre Interpretationen verbreiteten eine kollektive Angst besonders in den westlichen Ländern. Krieg der Gläubigen (Muslimen) gegen die Ungläubigen (Christen), Krieg gegen die westliche Zivilisation waren die häufigsten Interpretationen. (Spiegel) Diese Bilder, ihre Interpretationen und die Entscheidung einen Krieg gegen den Terrorismus zu führen verbreitete eine kollektive Angst nicht nur in den Vereinigten Staaten, aber in anderen westlichen Ländern. Obwohl Deutschland damals nicht bedroht wurde, hatten zahlreiche Menschen nicht nur Angst, sie wollten sogar ihrer Angst zu den Psychoanalytikern erzählen. 

“Auch eine 53 Jahre alte Sozialarbeiterin, die unter depressiven Verstimmungen litt, brachte angesichts der Attentate ihre Wut auf Amerika zur Sprache. Sie berichtete in den 38. Stunde, die von ihr betreuten psychisch Kranken hätten mit Angst reagiert, nachdem Amerika erklärt habe, dass es Aufgrund der Attentate Krieg gegen den Terrorismus führen wolle.” 

“Einen schüchterner, unsicherer und unter depressiven Verstimmungen leidender Mann von 40 Jahren, der als Organisationsprogrammierer in der IT-Branche arbeitete, berichtete in der 55. Stunde dass die Anschläge auf New York ‘ein furchtbarer Schock’ gewesen seien: Seine Frau und seine beiden Kinder hätten Dienstagabend und Dienstagnacht nur geweint.” (Busch, 2008, S. 49-50) 

Die Menschen fühlen sich unsicher und sind offen für ein verbreitetes Sicherheits-konzept. Dieses neue Konzept fängt mit der Interpretationen dem 11.09.01 von George W. Bush und Osama Bin Laden und erweitert sich mit den Bomben in London, Madrid und Bali… Obwohl Trojanow-Zeh erklärte, dass “Sicherheit ist keine Tatsache, sondern ein Gefühl ist” (2009, S. 47), diese Aussage soll ergänzt werden durch den konkrezierten Gefahr von Auto- und Kofferbomben. Wir sind heute sicherer von der Bedrohung durch einen Atomkrieg, nur ziemlich verwundbar durch Koffer- und Autobomben. 

Gefahr durch Kofferbomben ist konkreter als die Gefahr von Atombombe und zweite vernichtet alle Menschen, nur die Kofferbomben richten sich zu den Menschen die meistens in bestimmten Ländern leben. 

4.2. Leben mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen

4.2.1. Biometrische Reisepass

In den neuen Reisepässen sollen digitalisierte Photos und die Fingerabdrücke des Passinhabers gespeichert werden. Diese Vorbeugungsmaßnahme ist eigentlich als “viel Lärm um nichts” bezeichnet werden können, weil bis jetzt keinen Terrorist gefälschtes Pass bei sich trug. 

4.2.2. Telefonüberwachung und Onlinedurchsuchungen

“Im Jahr 2007 wurden im Bereich der Strafverfolgung Überwachungsanordnungen für rund 44,000 Telefonnummern (c. 39,000 mobil, ca. 5000 Festnetz) umgesetzt.” (Trojanov / Zeh, 2009, S. 57) 

Erfolgsquote war gering und wie viel davon mit dem Terrorismusgefahr zu tun hat, ist ungewiss. Inzwischen ist es technisch möglich alle E-Mails durchzusuchen. 

Was hier besonders wichtig ist, ist nicht nur den geringen Erfolgsquote, aber die Normalisierung des alltäglichen Verfahrens. Protest gegen den Überwachungsstaat ist gering, weil alle bürgerfreiheitbeschränkende Maßnahmen verinnerlicht sind.

4.2.3. Rasterfahndung 

Die Polizei vermutet, dass viele Terrornetzwerkemitglieder unentdeckt bleiben. Sie führen ein normales Leben bis in die Aktionszeit. Um die Schläfer zu entdecken wird Rasterfahndung angeordnet. Die Daten der bestimmten Personen (besondere Religion –Muslime-, besondere Nationalität (Arabern) werden ständig überprüft. Strenge Überwachung der bestimmten Plätzen (Moscheen, Vereinen der bestimmten Migrant-Innen) wird intensiviert. 
“Beim Einsatz der Rasterfahndung im Jahr 2004 wurde nach der Auswertung von 8,3 Millionen Datensätzen (ein Zehntel der gesamten deutschen Bevölkerung!) ein einziges Ermittlungsverfahren eingeleitet und bald darauf wieder eingestellt. (Trojanov / Zeh, 2009, S. 55) 

Obwohl die Quote null ist, die Überwachung und Rasterfahndung hilft eine neue Typsierung im alltäglichen Leben: Die Terrorverdächtige Typen und Nationalitäten.

4.3. Neue Typisierung im Alltag 

“Am Flughafen ziehen wir unsere Schuhe und Gürtel aus und warten um so länger, wenn vor uns in der Schlange ein Mann mit arabischem Nachnamen oder orientalischen Gesichtszügen steht.” (Trojanow-Zeh, 2009, S. 35 ) 

Bestimmte Typen im Alltag werden nicht immer als Terrorist, aber oft als “gefährlich” oder “verdächtig” eingestuft. Bei der Straßensperren der Polizei oder übliche Ausweiskontrollen werden die arabisch aussehenden Männer deutlich länger angehalten als die anderen. 

Der erweiternden Begriff Sicherheit führt zu einer neuen Typisierung im Alltag. 

5. SCHLUSSFOLGERUNG 

Der Begriff Sicherheit hat immer einen wichtigen Platz im menschlichen Leben: Sicherheit für die Zukunft, Sicherheit der Arbeitsplätze, Verkehrssicherheit… Eine Art von Sicherheit hat deutlich mehr Bedeutung: Sicherheit gegen Terrorismus. 

Diese Art von Sicherheit war auch ein Thema im Bundestagswahlkampf. Eine Wahlplakat der CDU war über dieses Thema: Leben im Sicherheit. 

Nach der Wahl diskutiert in der Presse bei der Koalitionsverhandlungen zwischen CDU’CSU und FDP, ob Überwachungsstaat teilweise Zurückgedrängt wird. (Geht Freiheit wieder vor Sicherheit, Die Zeit, 01.10.2009) 

Die Erweiterung der Bedeutung des Begriffs hat engen Verbindung mit der wichtigen Bestandteilen der Globalisierung wie Massenkommunikation und Gleichzeitigkeit über die verschiedenen Zeitzonen und Plätzen, die beeinflusst die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 

Einer der Klassiker der Wissenssoziologie “Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit” von Berger und Luckman soll in zwei Punkten aktualisiert werden.
Erstens: Die Gesellschaft besteht nicht nur in der nationalen Grenzen, sondern als global betrachtet werden. 

Zweitens: Zeit- und Ortgebundenheit der Wirklichkeit ist geändert. 

6. WEITERE FORSCHUNGSTHEMA 

Während der Präsidentschaft von George W. Busch in den Vereinigten Staaten zahlreiche Sozialleistungen wurden verringert sogar abgeschafft. Trotzdem hatte die Bush-Regierung jahrelang die Unterstützung des Volkes. 

Wie funktioniert der Kampf gegen den Terrorismus über die soziale Rechte im eigenen Land?

7. LITERATURHINWEISS 

1. Beck, Ulrich (1999): Was ist Globalisierung, Frankfurt am Main
2. Berger L. Peter / Luckmann, Thomas (2004): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Frankfurt am Main
3. Die Zeit, 01.10.2009, Hamburg
4. Knoblauch, Hubert (2005): Wissenssoziologie, Konstanz
5. König, Hans-Dieter (2008): George W. Bush und der fanatische Krieg gegen den Terrorismus, Giessen
6. Kemper, Peter / Sonnenschein, Ulrich (Hrsg.) (2002): Globalisierung im Alltag, Frankfurt am Main
7. Krüger, Marlis (1981): Wissenssoziologie, Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz
8. Luckmann, Thomas (2002): Wissen und Gesellschaft, Konstanz
9. Luckmann, Thomas (2007): Lebenswelt, Identität und Gesellschaft, Konstanz
10. Maasen, Sabine (2003): Wissenssoziologie, Bielefeld
11. Trojanow, Ilija / Zeh, Juli, 2009: Angriff auf die Freiheit, München 



Engin Erkiner